Besser als Airbnb

Adieu Matratze!

Warum klassische Hotels Airbnb nicht fürchten sollten

text: Hans Schloemer   //  photography: istock

Eine Luftmatratze und ein Frühstück. Das war die simple Idee. Airbnb, eine Abkürzung aus „Airbed“ und „Breakfast“, begann 2008 in San Francisco als Online-Börse für einfache Schlafplätze in Privatwohnungen. Heute ist das Start-up-Unternehmen ein Übernachtungsimperium: über 300 Millionen Gäste, rund 4,5 Millionen Unterkünfte weltweit – vom Klappsofa bis zum Luxusanwesen. Frankreich als globales Reiseland Nr. 1 ist da besonders im Fokus: Mit etwa 60.000 Angeboten gilt Paris als größter Airbnb-Markt.

Nicht nur Hoteliers zeigen sich besorgt, auch Politiker und Anwohner laufen Sturm. Online-Plattformen wie Airbnb, so der Vorwurf, fördern die unschönen Seiten des Massentourismus, vertreiben die Einwohner durch steigende Wohnungs- und Mietpreise. Anwohner fühlen sich durch den Lärm ständig wechselnder Gäste belästigt.

„Das sind getarnte Hotels!“

Paris hat bereits ein Limit von 120 Tagen pro Jahr für die Vermietung gesamter Wohnungen eingeführt. Fraglich ist, ob sich auch alle Anbieter daran halten. Ian Brossat, als Vize-Bürgermeister zuständig für das Ressort Wohnen, fordert ein komplettes Verbot für die Vermietung ganzer Privatquartiere an Touristen im Zentrum von Paris. „20.000 Wohnungen und Häuser hat die Stadt in den letzten fünf Jahren eingebüßt“, sagt Brossat. „Das sind getarnte Hotels!“ Geschäftsleute würden Wohnungen kaufen, um sie durch Vermietung über Online-Plattformen in Gelddruckmaschinen zu verwandeln.

Auch Jacques Boutault, Bürgermeister des 2. Arrondissements, schlägt Alarm. Sein Stadtteil habe rund 3.000 Bewohner verloren, darunter viele Familien. Drei Schulen hätten bereits Klassen geschlossen. „Es ist wichtig, dass die Innenstädte authentisch und lebendig bleiben. Deswegen kommen ja auch die Touristen“, bekräftigt Boutault.

Airbnb Frankreich sieht solche Äußerungen „ohne Bezug zur öffentlichen Meinung“ und „losgelöst von der legalen Realität“. Gegen alle Kritik soll das Wachstum munter weitergehen: Bis 2028 rechnet man mit einer Milliarde Übernachtungen pro Jahr. Längst schielt der Gigant auf gut betuchte Kunden. Dafür hat Airbnb-Chef Brian Chesky Airbnb Plus ins Leben gerufen.

Kampfansage an die Hotellerie

Adieu Matratze, hallo Luxus: Airbnb Plus verspricht Standards, die beste Hotels bieten. Außerdem soll eine Rubrik für Boutique-Hotels geschaffen werden. Eine eindeutige Kampfansage an die klassische Hotellerie. Muss die sich jetzt Sorgen machen? Wohl eher nicht.

Zwar genießen selbst gewerbliche Airbnb-Anbieter noch den enormen Wettbewerbsvorteil, von den immensen Auflagen verschont zu bleiben, die für die Hotelbranche gelten und deren Kosten in die Höhe treiben. Möglicherweise werden in manchen Fällen nicht mal Steuern und Versicherungen gezahlt. Doch dieses Ungleichgewicht dürfte künftig allein schon im Interesse der Städte und Gemeinden durch entsprechende Gesetze korrigiert werden.

Zudem ist zu beobachten, dass sich die Airbnb-Preise den Hotelpreisen angleichen. Das wird der potenzielle Nutzer ebenso abwägen wie mögliche Diskriminierungen bei der Buchung, Unzuverlässigkeiten seitens der Vermieter und nicht zuletzt die Unberechenbarkeit, was er tatsächlich am Zielort vorfindet.

Emotionale Erlebnisse

Dagegen steht die Transparenz und Serviceüberlegenheit von Hotels. Gerade kleinere und mittlere Betriebe müssen die Konkurrenz durch Airbnb nicht scheuen. Vorausgesetzt, sie haben etwas zu bieten, was über Zimmer und Frühstück hinausgeht. Dazu zählen etwa ein persönlicher Service, eine freundliche, vielleicht sogar familiäre Atmosphäre, kulinarische Genussmomente.

Viel zu wenige Hotels nutzen ihre technische Überlegenheit gegenüber privaten Anbietern. Wer per App seine Zimmertür öffnen, ganz bequem mobil einchecken oder virtuell bezahlen kann, wird seinen Aufenthalt als besonders stressfrei empfinden.

Der Gast hat sich im Zuge der medialen und digitalen Entwicklung verändert. Er möchte unterhalten werden, schätzt emotionale Erlebnisse und Geschichten, die er zu Hause erzählen kann. Ein Hotel, das mehr ist als nur funktional, nämlich ein Ort des Erlebens und Entertainments, erhöht die Loyalität, bringt positive Kommentierungen in sozialen Netzen und befeuert die gute alte Mundpropaganda – selbst in Zeiten des Internets ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Rosige Aussichten

Hotels können hier punkten, indem sie die Persönlichkeit des Gastgebers oder der Destination besonders hervorheben, außergewöhnliche Hotelzimmer kreieren, die in sozialen Netzwerken wie Instagram vorzeigbar sind. In offenen Lobbys mit entspanntem Wohnzimmercharakter gibt es immer etwas zu sehen, hier entsteht ein Austausch unter Gästen. Warum soll man ein Community-Gefühl nur Airbnb überlassen? Kochkurse, Literaturabende, eine Galerie für lokale Künstler – gute Ideen und echter Kundenservice waren schon immer eine Voraussetzung für Erfolg im Hotelgewerbe.

Die Aussichten für die französische Hotelbranche sind ohnehin rosig. Die Bevölkerung von Indien oder China hat erst mit dem Reisen begonnen. Dort erhöht der steigende Wohlstand die Reiselust. Und Frankreich steht ganz oben auf der Wunschliste.

 

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