Die Plastikkrankheit

Plastik ist billig, robust und vielseitig einsetzbar. Und es ist extrem schädlich für die Umwelt. Wie gehen Hotels mit dem Material um? Wie balancieren sie die Vorteile mit den wachsenden Bedenken darüber aus, wie schädlich Plastik für die Zukunft unseres Planeten ist?

Text: Laura Myers // Fotos: iStock

Die Bilder sind nur allzu bekannt: Wasserflaschen aus Plastik an Stränden in Thailand. Alte Zahnbürsten, die auf den Galapagos-Inseln angeschwemmt werden. An Plastiktüten verendete Meeresvögel im Mittelmeer. Der Müllstrudel inmitten des Pazifiks, die größte Ansammlung von Plastik auf unserem Planeten. In gerade mal 60 Jahren ist Plastik zum meistproduzierten, meistbenutzten und meistweggeworfenen Material der Welt geworden.

Viele Industrien und Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren dafür entschieden, Einwegplastik aus ihren Abläufen und Produktionsprozessen zu eliminieren. Auch in der Hotelbranche gibt es immer mehr Beispiele dafür. Hoteliers haben heute die Chance und die Verantwortung, auf die Auswirkungen des weltweiten Plastikkonsums Einfluss zu nehmen. Denn gerade in Hotels werden immer noch in großem Stil Einwegplastikprodukte eingesetzt.

Plastik ist überall! Das muss aber nicht so sein

Plastik hat viele Vorteile für Hoteliers und Gäste und irgendwie sind alle süchtig nach diesem Stoff. Deshalb ist Plastik in Hotels allgegenwärtig: es gibt Becher, Trinkhalme, Shampoofläschchen, einzeln verpackte Schokostückchen, eingeschweißte Zahnputzbecher. Man findet es in Minibars und Konferenzräumen, beim Frühstücksbüffet, in der Küche, am Lieferanteneingang. Doch so gut wie jeder Plastikgegenstand ist durch einen Gegenstand aus alternativem Material ersetzbar.

  • Die Zahl der verbrauchten Trinkhalme lässt sich leicht reduzieren. Food and Beverage kann Plastikstrohhalme ausschließlich auf Nachfrage zur Verfügung stellen. Außerdem gibt es wiederverwendbare Alternativen aus Stahl oder Glas sowie essbare oder Einweghalme aus Bambus oder Pappe.
     
  • Die weitverbreiteten kleinen Ketchup-, Senf- oder Mayonnaisebeutelchen sind unnötig. Stattdessen können Hotelrestaurants große, wiederverwendbare Spender einsetzen.
     
  • In Meetingräumen sind gekühlte Wasserkaraffen eine exzellente Alternative zu kleinen Einwegplastikflaschen.
     
  • Für den Plastikverzicht gibt es viele Detailbeispiele: Bleistifte statt Kugelschreiber, Baumwoll- statt Plastiksäcke für den Wäschetransport, Einwegpantoffeln in der Bademanteltasche statt eingeschweißt in Plastik.
     
  • Beim Housekeeping lassen sich gut große, nachfüllbare Behälter für Reinigungsflüssigkeiten einsetzen. Schon beim Einkauf kann man auf Wiederverwendbarkeit der Behältnisse achten.

Manchmal reicht es auch, Einwegplastik nicht mehr einzusetzen. Zum Beispiel Plastikhygienecover bei Toilettensitzen oder Plastikuntersetzer für Gläser. „Viele unserer Maßnahmen gehen auf Anregungen der Gäste zurück”, sagt Gabi Block vom Hotel Ivory Playa auf Mallorca, “die Gäste finden es immer super, wenn wir ihnen auch erklären, was wir verändert haben, um weniger Einwegplastik zu verwenden.“ Die sehr anwenderfreundliche Publikation “Plastic Reduction Guidelines for Hotels” (als pdf downloadbar) der TUI Group führt Dutzende häufig eingesetzter Plastikgegenstände auf und listet jeweils Nichtplastik-Alternativen, inklusive back-of-house-Abfall. 

Zahlt sich das aus?

Der schlechte Ruf von Einwegplastik und die Medienaufmerksamkeit haben dazu geführt, dass der soziale Druck stark gewachsen ist, kein Plastik mehr zu verwenden. Leider lassen sich die Kosten des Plastikverzichts schwer beziffern. Schließlich ist Plastik nicht von ungefähr das billigste und am weitesten verbreitete Material. Standardantworten gibt es keine, zu sehr hängen die Kosten von der Einsatzart des Plastiks ab. Beispiel Plastikbecher: wieviel kostet ein Becher und wie hoch sind Anschaffungs-, Personal- und Reinigungskosten einer Alternative aus Glas oder Hartplastik. Kurzfristig könnte die Alternative teurer sein als der Plastikartikel und sich erst langfristig amortisieren. Nachhaltiges Material zu verwenden mag teuer erscheinen, doch werden die Artikel natürlich weitaus länger eingesetzt als ständig neu anzuschaffendes Plastikmaterial. „Das Traurige ist, dass es keine wirklichen finanziellen Vorteile gibt, um jenseits des guten Images zu nachhaltigeren Alternativen zu wechseln“, sagt Benjamin Lephilibert von LightBlue Environmental Consulting in Bangkok. „Man gibt Praktikabilität und Bequemlichkeit auf, wird aber dafür nicht mit höherem Gewinn belohnt.“ Nach einer Umfrage unter Reisenden von Skift Research aus dem Jahr 2018 sind 53 Prozent der Befragten dazu bereit, höhere Preise zu zahlen, wenn ein Hospitality-Dienstleister Verantwortung für die Umwelt zeigt. 29 Prozent der Befragten antworteten unentschieden, 18 Prozent waren nicht dazu bereit.

Tue Gutes und rede darüber

Zieht man die große Rolle in Betracht, die Plastikmüll in den Medien spielt, ist es durchaus wahrscheinlich, dass Hotelgäste es erwarten, dass Hoteliers dieses Problem angehen. Machen Hotelmanager einfach so weiter und reduzieren den Plastikeinsatz nicht, kann das eine negative Wirkung auf das Image oder die Marke haben. Gästeinformation ist daher extrem wichtig – und im ureigenen Interesse der Hotelbetreiber. Eine aktuelle Umfrage von Hilton Hotels hat ergeben, dass für 80 Prozent der Gäste die sozialen und ökologischen Bemühungen eines Hotels eine wichtige Rolle spielen. Mehr als 60 Prozent der Befragten gab an, dass diese Initiativen ihre Buchungen in den kommenden zwölf Monaten beeinflussen würden. Die vielleicht noch spannendere Zahl ist, dass ein Drittel der Gäste sogar vor einer Buchung die Aktivitäten einer Marke oder eines Hotels recherchiert. Es sollte klar sein, dass man mit der richtigen Kommunikationsstrategie zu diesem Thema viel gewinnen – aber auch verlieren - kann. Positive gehaltene Infos über das Umweltengagement sollten in Hotels sichtbar kommuniziert werden. Die Rolle der Angestellten ist essenziell wichtig: sind die Mitarbeiter informiert und gut ausgebildet, um auf Fragen danach, wie das Hospitalityunternehmen mit der „Plastikkrankheit“ umgeht, engagiert antworten zu können, können sie zu überzeugenden Nachhaltigkeitsbotschaftern werden.

“Machen wir so weiter wie bisher, wird 2050 die gleiche Menge Plastik in unseren Ozeanen sein wie Fische.”

The Ellen MacArthur Foundation

FACT-BOX:

Plastik in Zahlen

8,8 Millionen Tonnen Plastikmüll geraten jedes Jahr in unsere Ozeane
50 Prozent des weltweit produzierten Plastikmülls sind Verpackungen
Hochgerechnet wird jede Minute das Volumen eines Müllwagens in unsere Meere gekippt
Gerade mal 10 bis 15 Prozent des weltweit erzeugten Plastikabfalls landet im Recycling
1 Million Plastikflaschen pro Minute werden weltweit produziert
Plastik macht 73 Prozent des Abfalls an Stränden aus

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