Halal-Tourismus: Wie sollten Hotels arabische Gäste empfangen?

Schlagworte wie „Halal-Tourismus“ kursieren schon länger. Doch jeder vierte muslimische Gast ist ein Geschäftsreisender. Da sich Menschen im Nahen Orient selbst als herausragende Gastgeber sehen, erwarten sie auch viel – vor allem Respekt.

Text: Karen Cop // FOTOS: iSTOCK

Wer meint, dieser Sommer wäre sehr heiß in Europa, denke an arabische Touristen: Sie verbringen diese Wochen besonders gerne in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, weil es hier so angenehm kühl ist. Deutschland liegt auf dem Ranking ihrer beliebtesten Reiseziele laut Meldung der ITB Berlin und IPK International nur hinter den Vereinigten Arabischen Emiraten und sei „die meist besuchte Destination in Europa“. Zeit, einmal genauer hinzuschauen, was die vorwiegend muslimischen Gäste sich wünschen. Zumal jeder vierte von ihnen Geschäftsreisender ist.

Die Zahl hat sich versechsfacht

Grundsätzlich kommt ein arabischer Geschäftsreisender nicht alleine. Im Gegenteil: Gäste aus dem Nahen Osten sind gerne mit anderen unterwegs, im Idealfall mit der Großfamilie. Dann zieht die Familie fröhlich shoppend durch die Fußgängerzone, die Kinder freuen sich auf Pfützen im Sommerregen und erfrischende Natur, während sich meist Männer ausführlich den Geschäften widmen.

Laut Meldung der ITB-Pressestelle liegt „der Anteil an weiblichen Reisenden aus islamischen Ländern verglichen mit allen internationalen Reisenden weltweit unter dem Durchschnitt, ist allerdings in den vergangenen Jahren stetig gestiegen“. Und noch mehr unterscheide die Gruppe von anderen: „Mit einem Anteil der 25- bis 44-Jährigen von 75 Prozent“ sei sie im internationalen Vergleich durchschnittlich viel jünger. Sie zeichne sich außerdem „durch einen größeren Anteil mit hohem Bildungsniveau aus“. So unterschiedlich die demographischen Daten seien mögen, der Trend ist klar: Der "Halal Travel"-Markt boomt. Im Auftrag der ITB rechneten Marktforscher von Crescent-Rating hoch, dass sich die Zahl muslimischer Reisender aus dem Nahen Osten gegenüber dem Jahr 2000 bis 2020 versechsfacht haben wird. Erwartet würden 158 Millionen Reisende aus dem Nahen Osten pro Jahr, die Rede ist von einem jährlich etwa 274 Milliarden Euro schweren Markt für die Tourismusbranche.

 

Nur die Ruhe, kein Bier

Viele Hotels haben sich bereits auf die zunehmende Zahl muslimischer Gäste eingestellt. Denn die Menschen in arabischen Ländern sind nicht nur stolz darauf, selbst hervorragende Gastgeber zu sein, sie erwarten auch umgekehrt viel Aufmerksamkeit und Respekt vor ihren Wünschen. Im 5-Sterne-Hotel Bayerischer Hof in München erhalten die Besucher aus dem Nahen Osten deshalb eine Willkommensmappe und ein persönliches Anschreiben in Arabisch und Englisch und werden von einem Arabisch sprechenden Mitarbeiter begrüßt. In den Restaurants erhalten sie extra ausgezeichnete Speisen und Getränke, die „halal“ sind, also „rein“; einen typisch deftigen Schweinsbraten mit Oktoberfestbier anzubieten, wäre ein echter Fauxpas. Wer weiß, dass die erwarteten Gäste sich an das Alkoholverbot des sunnitischen und schiitischen Islam halten, bestückt auch die Mini-Bar anders: ohne Sekt und Wein.

Zu Zeiten des Fastenmonats Ramadan (2020: 23.4. bis 23.5.) empfiehlt es sich, den Bedürfnissen der tagsüber fastenden Gäste entgegen zu kommen, die erst nach Sonnenuntergang essen dürfen. Ein extra ausgezeichnetes Büffet mit Halal-Speisen anzubieten, ist ein Service, der garantiert für Zufriedenheit sorgt. Fragen Sie regelmäßig danach, sowie besonderen Wünschen! Was gestresste Geschäftsreisende aus anderen Ländern manchmal zu viel wird, setzen arabische Gäste unbedingt voraus: ein hohes Maß an persönlichem Kontakt und Ruhe. Zeitdruck lassen sie sich auch beim Geschäftemachen nicht gefallen.

Muslimische Frauen im Hotel

Immer wieder für Unsicherheit sorgt der Umgang mit verschleierten Frauen. Viele Europäer denken, dass sie nicht für sich selbst sprechen dürften, sobald ein Mann neben ihnen steht. Dabei besuchen beispielsweise im Oman mehr Frauen als Männer die Universität. Die meisten, zumal der jungen Frauen-Generation, sprechen auch sehr gut Englisch. Deshalb erwarten sowohl Frauen wie Männer, dass sie direkt angesprochen werden. Wenn Sie als Hotel-Managerin arabische Gäste empfangen, warten die Männer auf Ihre ausgestreckte Hand. Umgekehrt sollte ein europäischer Hotelier nicht nach der Hand einer verschleierten Frau greifen, sondern auf ein Zeichen ihrerseits achten. Im Schwimm- oder Spa-Bereich des Hotels oder falls Sie Gemeinschaftsbäder anbieten, möchten muslimische Frauen sich jedoch ohne Männer aufhalten können. Das heißt: Auch der Bademeister sollte weiblich sein und männliche Mitglieder der Reinigungspersonals keinen Zutritt haben, während die weiblichen Gäste baden. Wenn Sie kein separates Bad anbieten können, empfiehlt es sich, gesonderte Damen-Bade- und Saunazeiten einzurichten.

Kleine Schritte mit Respekt

Wie so oft sind es Kleinigkeiten, die dem Gast das Gefühl geben, respektiert zu sein. In größeren Hotels in der Türkei ist es selbstverständlich, dass neben dem Koran auch eine Bibel in der Nachttischschublade liegt – warum also nicht umgekehrt genauso? Arabische Gäste freuen sich zudem, wenn Ihnen beim Check-In die Gebetszeiten genannt werden, schließlich kommen sie öfter aus anderen Zeitzonen. Ein Gebetsteppich wäre ein prima Angebot. Falls außerdem ein kleiner, freundlich vor sich hinplätschernder Zimmerspringbrunnen den arabischen Gast erwartet und kleine Süßigkeiten als kostenlose Aufmerksamkeit auf dem Tisch bereitliegen, sammeln sie ordentlich Pluspunkte.

Besondere Aufmerksamkeit für arabische Gäste

Erklären Sie Ihren Mitarbeitern, dass diese nicht mit dem Zeigefinger auf die Ausstattungen zeigen sollen, sondern nur mit der ganzen, flachen Hand, wenn sie die Reisenden aus dem Nahen Osten zum Zimmer bringen und dessen Funktionen erklären. Ermöglichen Sie es arabischen Reisegruppen, ein wenig für sich zu sein inmitten des hektischen Hotelbetriebs, vor allem bei den Mahlzeiten. Lassen Sie Teller schnell nachfüllen, falls sie leer sind. Und seien Sie darauf vorbereitet, dass Geschäftspartner zum Essen mitkommen, wenn Verhandlungen erfolgreich verlaufen. Die eigentlichen geschäftlichen Veranstaltungen Ihrer arabischen Gäste finden oft vor oder nach Messen und Tagungen im möglichst privaten Rahmen statt – am besten bei Ihnen, oder?

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