So ticken die Chinesen

Berlin gilt als Ausrichter der weltgrößten Reisemesse ITB. Noch! Zwar besitzen erst knapp zehn Prozent der 1,4 Milliarden Chinesen einen Reisepass; Reiseweltmeister sind sie aber schon heute. Möglich also, dass die ITB China in Shanghai unserer Hauptstadt bald den Rang abläuft. Doch so gigantisch das Potenzial ist, so groß sind auch die Herausforderungen.

text: Anke Pedersen 

Facebook, Google und Co? Brauchen die Chinesen nicht! Sie haben ja Alleskönner wie We Chat, Alibaba und Baidu; Apps also, mit denen sie chatten, einkaufen, bezahlen, kurz: ihren gesamten Alltag organisieren können. „Ich lebe erst seit September in Shanghai, aber schon seit Januar nutze ich kein Bargeld mehr“, erzählt David Axiotis, der als General Manager für die ITB China verantwortlich zeichnet. „Man gewöhnt sich sehr schnell daran, einfach weil es so bequem ist.“

Für den mittäglichen Lunch zum Beispiel. Bevor ein Stadtbewohner in Shanghai, Peking oder Shenzhen sein Büro verlässt, checkt er via App, welches Restaurant bei seiner Community gerade am angesagtesten ist; ein Wisch, und die Reservierung ist erledigt. Genauso geht es dann weiter: Eine Speisekarte brauchen moderne Chinesen nicht. Wozu auch? Dank We Chat wissen sie ja, welche Speisen gerade angesagt sind. Und einmal in der Anwendung drin, kann man die Gerichte dann auch gleich ordern und bezahlen. Ein QR-Code auf jedem Tisch im Restaurant macht’s möglich. „Den Kellner brauche ich dann nur noch, damit er das Essen an meinen Tisch bringt“, schildert der deutsch-griechische Manager Axiotis seine jüngsten Erfahrungen.

Futuristische Spielereien? Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die relative Rückständigkeit – insbesondere Deutschlands – in Hinsicht auf die Digitalisierung empfinden vor allem junge Chinesen als geradezu mittelalterlich. „Vor dreißig Jahren war China noch ein armes Land“, räumt David Axiotis ein. „Aber in puncto Technologie geben sie heute den Takt an, da haben sie ganze Generationen übersprungen und brauchen uns nicht mehr.“ Beispiel Payment: Statt erst einmal auf Giro- und Kreditkarten zu setzen, sind die Bewohner aus dem Reich der Mitte gleich „mobil gegangen“.

Wo sie aber auf „uns“, den Westen und seine Ressourcen, durchaus angewiesen sind, ist der Bereich Outbound-Tourismus. Zwar profitieren derzeit vor allem noch Länder rund um China vom ebenso rasant zunehmenden wie reisefreudigen Mittelstand; Hongkong beispielsweise, Macau, Singapur und Taiwan. Doch erfahrene Reisende zieht es zunehmend auch nach Übersee. Mag ja sein, dass dies vorläufig „noch nicht die großen Zahlen“ sind, wie Axiotis einräumt. Tatsächlich jedoch bewegen sich selbst diese wenigen Prozent des Milliarden-Menschen-Marktes in Größenordnungen, in denen schon jetzt „fast jeder etwas vom Kuchen abhaben möchte und entsprechend investiert“.

Nicht umsonst hat sich die Zahl der Besucher, Einkäufer und Aussteller auf der ITB China, die erst 2017 Premiere gefeiert hat, schon bei ihrem zweiten Durchlauf im Mai 2018 vervielfacht. Und nicht umsonst gibt zum Beispiel die führende Managerin eines der größten Reiseveranstalter des Landes zu Protokoll: „Wir erwarten und glauben, dass die ITB China zur weltweit größten und erfolgreichsten Tourismusmesse wird.“ Ihr Argument: „Seit 2016 ist China das größte Quellland der Welt, sodass die ITB China ein außergewöhnliches Potenzial aufweist.“

Sie sprechen kein Chinesisch? Warum nicht?

Das Potenzial freilich ist das eine, Knackpunkte wie die nach wie vor bestehende Sprachbarriere das andere. „Die Chinesen ärgert, dass der Westen nach wie vor glaubt, in China etwas nach westlichen Standards etablieren zu können“, sagt Roland Elter, Geschäftsführer Vertrieb und Marketing bei den Maritim Hotels. Tatsächlich fühlten sie sich uns nämlich überlegen. Warum also Englisch lernen? „Sie sprechen kein Chinesisch? Warum nicht?!“ Elters Rat an all seine Kollegen: den Chinesen mit viel Respekt und Wertschätzung zu begegnen.

Aber auch der vollkommen andere Zugang der chinesischen Bevölkerung etwa zu mobilen Technologien und natürlich auch kulturelle Eigenheiten bilden Barrieren, die eine Annäherung des Westens an diesen Markt nicht gerade einfach machen. Beispiel Frühstück: „Ich bin viel unterwegs und nicht gerade in schlechten Hotels“, erzählt ITB-Manager Axiotis. „Aber mal Käse zum Frühstück zu bekommen, Brot oder Kaffee – selbstverständlich ist das nicht.“ Andersherum gehe es den Chinesen bei uns: „Sie wollen was Gekochtes zum Frühstück, am liebsten ihren Congee, einen total zerkochten Reisbrei. Kurzum: Wir müssen uns alle in den jeweils anderen hineinversetzen.“

Maritim hat zumindest technologisch schon einen großen Schritt getan und zusammen mit Qyer.com, einem der großen Reiseportale mit einer Community von rund neunzig Millionen Followers, ein We-Chat-Miniprogramm als erstes Hotelunternehmen außerhalb Chinas aufgelegt. Wer nach Deutschland reisen will, kann sich da schon mal ein Bild machen. „Derzeit haben wir in Deutschland etwa 80.000 chinesische Gäste pro Jahr“, rechnet Maritim-Chef Elter. „Aber mit diesem Account setzen wir auf die Kraft der Multiplikation.“ Immerhin gibt es nichts, was die Chinesen nicht bewerten – auch ihre Erlebnisse in deutschen Hotelbetrieben –, weithin sichtbar für ihre gesamte Community.

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